Angelika Pauly
Schriftstellerin und Musikerin
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Dem Sonnborner Märchenbrunnen gewidmet
Am Märchenbrunnen
Viele
kleine
Märchenwesen
erblicken hier das
Licht der Welt
tanzen, springen,
lachen, singen
wer hat sie nur
herbestellt?
Aschenputtel und
Schneewittchen
locken dich zum
Brunnenrand
und hier wartet
schon Dornröschen
Lausch
den alten
Märchenweisen
schließ die Augen
und hör zu
dann siehst du das
tolle Treiben
Hans im Glück und
Müllers Kuh
Am
Abend kommen
bunte Lichter
und der
Märchenbrunnen strahlt
dann glänzen all’
die Menschengesichter
und du und ich – und
der König Drosselbart
Der
Märchenbrunnen
Die Sterne plumpsen
in das Wasserbecken und wer nun glaubt, dass sie zischend und dampfend
verlöschen, der irrt sich und kennt diesen Brunnen nicht. Es
ist ein ganz
besonderer, ein Märchenbrunnen, denn er verwandelt den
Silberglanz der Sterne
in Geschichten und diese säuseln mit dem sprudelnden Wasser
hinauf an den
Brunnenrand. Setzt sich nun ein Mensch auf den steinernen Rand und
hält den
Kopf ganz still, dann kann er Worte hören wie: Prinz und
Prinzessin, gute Fee oder
böse Fee, Zwerg, Riese oder Drache – und wer die
Augen schließt, kann die
ganzen Geschichten hören. Besonders die Kinder lieben diesen
Brunnen und seine
Märchen. Sie lauschen und lachen dann vor Freude und
Glück, denn es sind
besonders schöne Märchen, die der Brunnen
erzählt, weil sie halt direkt von den
Sternen kommen.
Das Lachen eines
Kindes öffnet für die steinernen
Märchenwesen, die den Brunnen zieren, die Tür
zur Zeit und zur Lebendigkeit. Die Tränen eines Kindes dagegen
lassen sie
erstarren und bringen sie wieder an ihren Platz zurück
Wenn also Kinder um
den Brunnen herum spielen und lachen, sind die Märchenwesen
wie Schneewittchen
und Dornröschen mitten unter ihnen…doch von den
Erwachsenen können nur die
Blinden sie sehen und die Tauben sie hören.
Im
Märchenland
Eines Tages nun saß
eine Mutter mit ihrem kleinen Sohn am Brunnenrand und das Kind lauschte
einem
Märchen. Doch gerade als der Prinz mit dem bösen
Drachen kämpfte, zappelte der
Junge so sehr, dass die Mutter rief: „Wenn du nicht sofort
still sitzt, kommt
ein böser Drache und nimmt dich mit!“
Das hätte sie nicht
sagen sollen, denn augenblicklich ließ der Drache von dem
Prinzen ab, erblickte
das kleine Kind und stürzte sich darauf, um es
herunterzuschlingen und
aufzufressen. Zwar schwang der tapfere Prinz sein Schwert und
versuchte, das
Unglück zu verhindern, aber er erreichte nur, dass das Kind
kopfüber in den
Brunnen fiel.
Was niemand von den
Menschen weiß ist, dass tief unten ein Eingang direkt zum
Märchenland führt.
Eine gute Fee zog den
Jungen aus dem Wasser und setzte ihn auf eine Wiese in die Sonne, damit
seine
Kleidung trocknete. Auch diese Sonne war eine besondere Sonne, eine
Märchensonne eben, wie es halt im Märchenland gar
nicht anders sein kann. Die
Wiese war eine Märchenwiese und die Fee schon viele hundert
Jahre alt. Sie
verscheuchte den bösen Drachen mit einem Zauberspruch.
„Hilf mir bitte
auch!“, erklang da eine zarte Stimme und eine
wunderschöne Prinzessin winkte
aus einer Höhle. Hier hatte sie sich wohl vor dem Drachen
versteckt und auf
einen Prinzen gewartet. Doch der Prinz war längst
weitergezogen - was sollte
nun aus der
Prinzessin werden?
„Ich komme und rette
dich!“ rief da der kleine Junge und da er ja im
Märchenland war, wurde er
blitzschnell groß und stark. Ein gesatteltes Pferd kam
herangetrabt, auf
welches er sich schwang und ein mächtiges Schwert fiel vom
Märchenhimmel in
seine Hände. Er rettete die Prinzessin und ritt mit ihr zu
ihrem Schloss.
Sicher wäre hier eine märchenhafte Hochzeit gefeiert
worden, wenn, ja wenn
nicht im Schlosshof ein Brunnen gestanden hätte und der Junge
hineingefallen
wäre. Tief unten im Brunnen war ein großes Loch und
das führte direkt in die
Menschenwelt. Er landete wieder auf dem Schoß seiner Mutter
und war nichts
weiter als ein kleiner Junge. Erzählen konnte er von seinen
Erlebnissen nichts,
denn sprechen hatte er noch nicht gelernt. Traurig beugte er sich
über das
Wasserbecken und dabei versank diese Geschichte im tiefen Wasser des
Märchenbrunnens.
Und wer das nicht glaubt, der setze sich an dessen Rand, halte den Kopf ganz still und lausche:
Aus
dem alten
Brunnenschacht
schweben feine
Märchenweisen
fang sie auf, hab
acht, hab acht
lass sie nicht
entweichen
In
den Tiefen
sprudeln Märchen
an manch wohl
geneigtes Ohr
erfreuen Meister und
Gesellen
Kinder, Weise und
den Tor
Aus
den bunten
Steinen steigen
in manch
sternenklarer Nacht
Hexe, Feen, Riesen,
Zwerge
Könige in aller
Pracht
Beladen
kam ich oft
zum Brunnen
gebeugt vom Leben sorgenschwer
hab hier Trost und
Glück gefunden
und das geb’ ich
nicht mehr her
Drachen,
Zauberer
und Sterne
locken mich zum
Brunnen hin
und ich höre zu, so
gerne
hab nur Märchen noch
im Sinn...
Die sprudelnden Märchen
In
der ganz alten Zeit, als die Menschen
weder Schrift noch Bücher kannten, gab es einen
Märchenbrunnen. Aus ihm
schöpften die Leute Geschichten, nahmen sie mit nach Hause,
erzählten sie sich
gegenseitig und hatten viel Freude daran. Nun gab es aber einen
bösen Zauberer,
dem das gar nicht gefiel und der den Menschen dieses Glück
missgönnte. So
suchte er eine große Steinplatte, die den Brunnen
verschließen sollte. Dann
zauberte er ein paar Riesen herbei, die den Stein auf die
Öffnung legen
mussten. Als die Menschen am nächsten Tag neue
Märchen schöpfen wollten, war
der Brunnen abgedichtet und kein noch so starker Mann und keine noch so
kräftige Frau konnten den Steindeckel zur Seite schieben. Wie
unglücklich
wurden die Menschen und wie traurig waren nun die langen Abende, die
sie ohne
Geschichten verbringen mussten. Sie jammerten und klagten und hockten
in der
Dunkelheit betrübt vor ihrem Feuer. Der böse Zauberer
aber freute sich und
hüpfte und tanzte in seiner Berghöhle herum und sang:
Der
alte Brunnen ist
verschlossen
die Menschen sind jetzt sehr
verdrossen
es gibt nun keine Märchen mehr
das freut mich sehr, das freut
mich sehr
Das
hörte eine Hexe, die auf ihrem Besen an
dem Berg vorbei flog. Sie hielt an, versteckte sich in einer Felsspalte
und
hörte zu. Weil sie eine gute Hexe war, beschloss sie den
Menschen zu helfen und
ritt auf ihrem Besen zu ihnen hin. Aber die Menschen erschraken, als
sie das
alte Weiblein mit der dicken, fetten Nase und der Warze auf der Stirn
erblickten und liefen davon. Was blieb der Hexe übrig? Sie
flog traurig in ihr
Hexenreich zurück, weil niemand ihre Hilfe haben wollte.
Ein Rabe verirrte sich in das Felsengestein
und auch er hörte den bösen Zauberer singen:
Wie
bin ich froh, wie ist das
schön
kein Märchen ist jetzt mehr zu seh’n
ich höre die dummen Menschen
klagen
dabei brauchten sie nicht zu
zagen
Der
Rabe schlich sich leise heran und hörte
aufmerksam zu, wie der Zauberer weiter sang:
Man
braucht doch nur das
Zauberwort
und schon hebt der Stein sich
fort:
Appollpuppu, Appollpuppu
der Brunnen ist dann auf im Nu
Der
Vogel merkte sich das Zauberwort und flog
zu den Menschen, um ihnen davon zu berichten, doch sie verstanden die
Vogelsprache nicht und scheuchten ihn fort. Traurig flog auch er davon.
Der böse Zauberer wollte zu gerne sehen, wie
die Menschen klagten und jammerten, und stieg von seinem Berg hinab.
Währenddessen wurde ein Engel auf die Erde gesandt, er sollte
nachsehen, warum
die Erdbewohner so traurig waren. Der Engel flog umher, schaute hier
und da und
entdeckte den verschlossenen Märchenbrunnen. Doch auch er
konnte die Steinplatte
nicht entfernen. Da zischte es und die Hexe kam herbeigeflogen. Auf
ihrer
Schulter hatte es sich der Rabe bequem gemacht und krächzte
der Hexe das
Zauberwort ins Ohr.
Die
Hexe rief dem Engel zu
Appollpuppu,
Appollpuppu
der Brunnen öffnet sich im Nu
und Märchen sprudeln immerzu
Der
Engel verstand und rief laut das
Zauberwort. Da erhob sich die Steinplatte und rollte davon. Der Brunnen
war
wieder offen und voller wunderschöner Märchen, die
von den Menschen
herausgeschöpft und mit nach Hause genommen wurden. Nun
saßen sie am Abend
wieder um ihre Feuer herum und konnten sich die schönsten
Geschichten erzählen.
Den bösen Zauber freute das gar nicht. Er
hockte in seiner Felsenhöhle und biss sich vor Wut die
Fingernägel ab.
© Angelika Pauly