Angelika Pauly
Schriftstellerin und Musikerin

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Am Samstag, dem 24. September 2011,
wurde
im Wuppertaler Zooviertel
der frisch renovierte Märchenbrunnen
Wuppertaler Märchenbrunnen

Foto: Uwe Pauly
eingeweiht und das zweite
Märchenfest

gefeiert.
Ich war dabei und las um 17-17.30 Uhr aus meinem Buch Der Märchenhüter
musikalische Begleitung: Christian Pauly, Dudelsack, Flöte
Programm

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Dem Sonnborner Märchenbrunnen gewidmet

Am Märchenbrunnen

Viele kleine Märchenwesen
erblicken hier das Licht der Welt
tanzen, springen, lachen, singen
wer hat sie nur herbestellt?

 Prinzen, Feen und böse Hexen
Aschenputtel und Schneewittchen
locken dich zum Brunnenrand
und hier wartet schon Dornröschen

Lausch den alten Märchenweisen
schließ die Augen und hör zu
dann siehst du das tolle Treiben
Hans im Glück und Müllers Kuh 

Am Abend kommen bunte Lichter
und der Märchenbrunnen strahlt
dann glänzen all’ die Menschengesichter
und du und ich – und der König Drosselbart

Der Märchenbrunnen
Wenn in klaren Nächten der Mond am Himmel seine Bahn zieht, wird es für die kleinen Sterne gefährlich. Die Winzlinge sind dann so sehr mit Blinken und Funkeln und dem Auswerfen ihrer Strahlen in alle Richtungen beschäftigt, dass sie ins Trudeln geraten und nicht wenige von ihnen fallen vom Himmel. Das könnte böse ausgehen, wenn nicht ein Brunnen auf der Erde diese Sterne auffangen würde. Schön aus Marmor gehauen, mit steinernen Märchenwesen kunstvoll verziert, steht er in der Mitte einer hübschen Stadt.
Die Sterne plumpsen in das Wasserbecken und wer nun glaubt, dass sie zischend und dampfend verlöschen, der irrt sich und kennt diesen Brunnen nicht. Es ist ein ganz besonderer, ein Märchenbrunnen, denn er verwandelt den Silberglanz der Sterne in Geschichten und diese säuseln mit dem sprudelnden Wasser hinauf an den Brunnenrand. Setzt sich nun ein Mensch auf den steinernen Rand und hält den Kopf ganz still, dann kann er Worte hören wie: Prinz und Prinzessin, gute Fee oder böse Fee, Zwerg, Riese oder Drache – und wer die Augen schließt, kann die ganzen Geschichten hören. Besonders die Kinder lieben diesen Brunnen und seine Märchen. Sie lauschen und lachen dann vor Freude und Glück, denn es sind besonders schöne Märchen, die der Brunnen erzählt, weil sie halt direkt von den Sternen kommen.
Das Lachen eines Kindes öffnet für die steinernen Märchenwesen, die den Brunnen zieren, die Tür zur Zeit und zur Lebendigkeit. Die Tränen eines Kindes dagegen lassen sie erstarren und bringen sie wieder an ihren Platz zurück
Wenn also Kinder um den Brunnen herum spielen und lachen, sind die Märchenwesen wie Schneewittchen und Dornröschen mitten unter ihnen…doch von den Erwachsenen können nur die Blinden sie sehen und die Tauben sie hören.

Im Märchenland
Eines Tages nun saß eine Mutter mit ihrem kleinen Sohn am Brunnenrand und das Kind lauschte einem Märchen. Doch gerade als der Prinz mit dem bösen Drachen kämpfte, zappelte der Junge so sehr, dass die Mutter rief: „Wenn du nicht sofort still sitzt, kommt ein böser Drache und nimmt dich mit!“
Das hätte sie nicht sagen sollen, denn augenblicklich ließ der Drache von dem Prinzen ab, erblickte das kleine Kind und stürzte sich darauf, um es herunterzuschlingen und aufzufressen. Zwar schwang der tapfere Prinz sein Schwert und versuchte, das Unglück zu verhindern, aber er erreichte nur, dass das Kind kopfüber in den Brunnen fiel.
Was niemand von den Menschen weiß ist, dass tief unten ein Eingang direkt zum Märchenland führt.
Eine gute Fee zog den Jungen aus dem Wasser und setzte ihn auf eine Wiese in die Sonne, damit seine Kleidung trocknete. Auch diese Sonne war eine besondere Sonne, eine Märchensonne eben, wie es halt im Märchenland gar nicht anders sein kann. Die Wiese war eine Märchenwiese und die Fee schon viele hundert Jahre alt. Sie verscheuchte den bösen Drachen mit einem Zauberspruch.
„Hilf mir bitte auch!“, erklang da eine zarte Stimme und eine wunderschöne Prinzessin winkte aus einer Höhle. Hier hatte sie sich wohl vor dem Drachen versteckt und auf einen Prinzen gewartet. Doch der Prinz war längst weitergezogen - was sollte nun aus der 
Prinzessin werden?
„Ich komme und rette dich!“ rief da der kleine Junge und da er ja im Märchenland war, wurde er blitzschnell groß und stark. Ein gesatteltes Pferd kam herangetrabt, auf welches er sich schwang und ein mächtiges Schwert fiel vom Märchenhimmel in seine Hände. Er rettete die Prinzessin und ritt mit ihr zu ihrem Schloss. Sicher wäre hier eine märchenhafte Hochzeit gefeiert worden, wenn, ja wenn nicht im Schlosshof ein Brunnen gestanden hätte und der Junge hineingefallen wäre. Tief unten im Brunnen war ein großes Loch und das führte direkt in die Menschenwelt. Er landete wieder auf dem Schoß seiner Mutter und war nichts weiter als ein kleiner Junge. Erzählen konnte er von seinen Erlebnissen nichts, denn sprechen hatte er noch nicht gelernt. Traurig beugte er sich über das Wasserbecken und dabei versank diese Geschichte im tiefen Wasser des Märchenbrunnens.

Und wer das nicht glaubt, der setze sich an dessen Rand, halte den Kopf ganz still und lausche:

Aus dem alten Brunnenschacht
schweben feine Märchenweisen
fang sie auf, hab acht, hab acht
lass sie nicht entweichen

In den Tiefen sprudeln Märchen
an manch wohl geneigtes Ohr
erfreuen Meister und Gesellen
Kinder, Weise und den Tor

Aus den bunten Steinen steigen
in manch sternenklarer Nacht
Hexe, Feen, Riesen, Zwerge
Könige in aller Pracht

Beladen kam ich oft zum Brunnen
gebeugt vom Leben sorgenschwer
hab hier Trost und Glück gefunden
und das geb’ ich nicht mehr her

Drachen, Zauberer und Sterne
locken mich zum Brunnen hin
und ich höre zu, so gerne
hab nur Märchen noch im Sinn...

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Die sprudelnden Märchen

In der ganz alten Zeit, als die Menschen weder Schrift noch Bücher kannten, gab es einen Märchenbrunnen. Aus ihm schöpften die Leute Geschichten, nahmen sie mit nach Hause, erzählten sie sich gegenseitig und hatten viel Freude daran. Nun gab es aber einen bösen Zauberer, dem das gar nicht gefiel und der den Menschen dieses Glück missgönnte. So suchte er eine große Steinplatte, die den Brunnen verschließen sollte. Dann zauberte er ein paar Riesen herbei, die den Stein auf die Öffnung legen mussten. Als die Menschen am nächsten Tag neue Märchen schöpfen wollten, war der Brunnen abgedichtet und kein noch so starker Mann und keine noch so kräftige Frau konnten den Steindeckel zur Seite schieben. Wie unglücklich wurden die Menschen und wie traurig waren nun die langen Abende, die sie ohne Geschichten verbringen mussten. Sie jammerten und klagten und hockten in der Dunkelheit betrübt vor ihrem Feuer. Der böse Zauberer aber freute sich und hüpfte und tanzte in seiner Berghöhle herum und sang:

Der alte Brunnen ist verschlossen
die Menschen sind jetzt sehr verdrossen
es gibt nun keine Märchen mehr
das freut mich sehr, das freut mich sehr 

Das hörte eine Hexe, die auf ihrem Besen an dem Berg vorbei flog. Sie hielt an, versteckte sich in einer Felsspalte und hörte zu. Weil sie eine gute Hexe war, beschloss sie den Menschen zu helfen und ritt auf ihrem Besen zu ihnen hin. Aber die Menschen erschraken, als sie das alte Weiblein mit der dicken, fetten Nase und der Warze auf der Stirn erblickten und liefen davon. Was blieb der Hexe übrig? Sie flog traurig in ihr Hexenreich zurück, weil niemand ihre Hilfe haben wollte.
Ein Rabe verirrte sich in das Felsengestein und auch er hörte den bösen Zauberer singen:

Wie bin ich froh, wie ist das schön
kein Märchen ist jetzt mehr zu seh’n
ich höre die dummen Menschen klagen
dabei brauchten sie nicht zu zagen

Der Rabe schlich sich leise heran und hörte aufmerksam zu, wie der Zauberer weiter sang:

Man braucht doch nur das Zauberwort
und schon hebt der Stein sich fort:
Appollpuppu, Appollpuppu
der Brunnen ist dann auf im Nu 

Der Vogel merkte sich das Zauberwort und flog zu den Menschen, um ihnen davon zu berichten, doch sie verstanden die Vogelsprache nicht und scheuchten ihn fort. Traurig flog auch er davon.
Der böse Zauberer wollte zu gerne sehen, wie die Menschen klagten und jammerten, und stieg von seinem Berg hinab. Währenddessen wurde ein Engel auf die Erde gesandt, er sollte nachsehen, warum die Erdbewohner so traurig waren. Der Engel flog umher, schaute hier und da und entdeckte den verschlossenen Märchenbrunnen. Doch auch er konnte die Steinplatte nicht entfernen. Da zischte es und die Hexe kam herbeigeflogen. Auf ihrer Schulter hatte es sich der Rabe bequem gemacht und krächzte der Hexe das Zauberwort ins Ohr.

Die Hexe rief dem Engel zu
 Appollpuppu, Appollpuppu
der Brunnen öffnet sich im Nu
und Märchen sprudeln immerzu

Der Engel verstand und rief laut das Zauberwort. Da erhob sich die Steinplatte und rollte davon. Der Brunnen war wieder offen und voller wunderschöner Märchen, die von den Menschen herausgeschöpft und mit nach Hause genommen wurden. Nun saßen sie am Abend wieder um ihre Feuer herum und konnten sich die schönsten Geschichten erzählen.
Den bösen Zauber freute das gar nicht. Er hockte in seiner Felsenhöhle und biss sich vor Wut die Fingernägel ab.

© Angelika Pauly

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